Leben allein genügt nicht, sagte der Schmetterling, Sonnenschein, Freiheit und eine kleine Blume muss man auch haben. (Hans Christian Andersen)



Jamie


Lange Stunden, Tage, Wochen und Monate der Nachforschung haben es bedarft um zu erfahren was Jamie wiederfahren ist. Aufgegeben habe ich noch lange nicht, auch wenn oftmals die Verzweiflung überwiegt, die Gerechtigkeit wird eines Tages immer Siegen.

Vergangenheit


Jamie wurde irgendwann im Juli 2004 geboren. Wo? Das weiß ich nicht genau, gekauft wurde sie aber hier in Wuppertal Cronenberg, auf einem Bauernhof. Da kam nicht viel in Frage und ich habe eine starke Vermutung die ich aber hier nicht äußern werde, da diese Seite zu einem Hundehändler führt.

Gekauft wurde sie im September 2004. Jamie sollte mal ein Wachhund werden. Der Mann der sie kaufte wollte einen Wachdienst aufziehen und dafür brauchte er einen, sagen wir es mal nett, bissigen und scharfen Hund. Man verkaufte ihm Jamie als Rottweiler-Schäferhund Mischling. Darüber muss ich noch heute lachen. Der Rottweiler hat sicher nur in den Träumen existiert.

Kaum dass Jamie dort eingezogen war musste sie die ersten Quälereien ertragen. Sie durfte nie Gassi gehen, sie hatte keinen Kontakt zu anderen Hunden oder anderen Menschen. Sie wurde nie sozialisiert. Sie war in der Wohnung eingesperrt, angebunden an einem Heizungsrohr, sich selbst überlassen. Essen bekam sie kaum, Wasser ab und an, aber wenn sie dies umkippte gab es kein Neues. Irgendwann fing er an Jamie zu schlagen, zu treten oder die Treppe runter zu werfen. Da auch ein Hund mal ab und an sein Geschäft erledigen muss durfte sie anfangs noch für Sekunden vor die Türe. Dann begannen sich ihre Augen zu entzünden. Anhand Jamie´s Krankengeschichte die Augen betreffend, können wir sagen dass es mit einer Entzüdung anfing. Diese wurde nicht beachtet, erst als es wirklich schlimm wurde schaffte man sie zu einem Tierarzt. Jamie wurde sogar operiert. Nur leider machte diese OP ein Tierarzt der so gar nichts von Augenheilkunde verstand. Heute wissen wir, dass durch diese OP die letzte Chance auf Sehkraft zunichte gemacht wurde. Und dann begann Jamie´s Leidensweg. Alles was dann geschah, konnte sie nicht mehr sehen. Sie konnte nicht sehen wie er herging und ihr die 8 Rippen brach, wie er ihr die Hüfte zertrümmerte und die anderen Wunden zufügte. Alles geschah in völliger Dunkelheit, Jamie war damals schon erblindet weil er ihr auf die Augen geschlagen hatte. Sie war erst 5 Monate alt.

Sie lag immer allein in der Küche mit den gebrochenen Knochen, unfähig sich zu bewegen und mit Schmerzen die man nicht nachvollziehen möchte. Allein der Gedanke daran macht einen krank. Doch es gab da einen kleine Menschen, ein Mädchen von 12 Jahren, die Nichte dieses Wahnsinnigen der Jamie zum Krüppel gemacht hat. Sie kümmerte sich so gut es ging um Jamie. Gab ihr was zu essen und füllte ihren Wassernapf auf. Eines Tages ging sie her und machte heimlich Fotos von Jamie. Die zwei Fotos die oben zu sehen sind. Sie ging damit zu einer Nachbarin und erzählte ihr alles. Dieses Kind hat gesehen wie er Jamie geschlagen hat und wie sie in der Küche angebunden war. Da sie nichts mehr sehen konnte hat sich Jamie den Kopf sehr oft heftig an der Heizung gestoßen. Die Narben davon sind heute noch sichtbar. Als die Nachbarin diese Fotos sah, fasste sie sich ein Herz und ging Abends rüber zu diesem Unmenschen und klingelte an der Türe. Er war, wie so oft am Abend, völlig betrunken. Sie bat ihm 50 Euro an für den Hund. Er nahm das Geld und die Frau nahm Jamie mit. Ein kleines verdrecktes Etwas, stinkend und völlig ängstlich. Jamie wurde erstmal gebadet, damit der Gestank von Urin und Kot wegging. Die Nacht verbrachten sie mit Jamie auf der Couch, Jamie weinte und hatte Angst, doch die beruhigenden Worte kamen auch bei ihr an und so verging Jamie´s erste Nacht in Freiheit.

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Der Weg ins Tierheim


Doch dort konnte sie nicht bleiben. Die Nähe zu ihren ehemaligen Besitzern war zu gefährlich, denn bereits am nächsten Tag wollte man den Hund wieder zurück haben. Dies stand natürlich außer Frage. Der erste Gang am nächsten Tag war der zum Veterinäramt. Von dort wurden sie zu einem Tierarzt geschickt der Jamie untersuchen sollte. Sein Rat war, der Hund sollte besser eingeschläfert werden. Sie hatte damals 7kg Untergewicht, die Augen waren immer noch entzündet, sie wirkte apathisch und konnte nicht richtig laufen. Sind dies wirklich Gründe einen Hund einschläfern zu lassen??? Nein und für dieses Nein bin ich der Frau zutiefst dankbar die Jamie stehenden Fußes wieder mit nach Hause nahm. Es gab Nachbarn die sich anboten Jamie aufzunehmen. Doch alle wohnten im näheren Umkreis der ehemaligen Besitzer. Dazu kam dass der bereits vorhandene Hund der Frau keinen anderen Hund in seiner Wohnung duldete. Und so taten sie das einzig richtige und baten das Tierheim Wuppertal Jamie aufzunehmen. Dort war sie zumindest sicher vor den Versuchen der Vorbesitzer sie wieder zurück zu holen. Am 22.03.2005 wurde Jamie ins Tierheim gebracht. An diesem Tag saß ich zu Hause und weinte mit meinen Lieben um unsere Maya. Unsere kleine gelbe Labbi Maus ist an diesem Tag während der Vorbereitung zur Kastration in der Narkose an Herzversagen gestorben. Für uns brach die Welt zusammen, so jäh aus dem Leben gerissen. Während Jamie aus ihrem alten Leben gerissen wurde und in Sicherheit war. Als ich damals auf dem Schild an ihrem Zwinger das Datum sah wollte ich einerseits sofort wieder gehen, andererseits war es wohl der Wink der mir zeigte sie ist es.

Im Tierheim erfuhr Jamie große Aufmerksamkeit. Sie wurde vom TA untersucht und man fuhr mit ihr in die Augenklinik in Dortmund. Automatisch wurde auch Anzeige beim Veterinäramt erstattet so daß gegen den ehemaligen Besitzer Anklage erhoben werden konnte. Ich habe alles versucht um an Details zu gelangen. Doch alles wollte/konnte man mir nicht sagen auf dem Amt. Ich weiß nur dass der ehemalige Besitzer zu einer Geldstrafe verurteilt wurde die sich auf den Höchstsatz belief und ein lebenslanges bundesweites Tierhalteverbot ausgesprochen wurde. Was auch seine Ehefrau betrifft. Wer dies kontrolliert? Wer weiß das schon. Die Geldstrafe jedenfalls darf seltsamerweise in Raten abbezahlt werden. Leider fließt dieses Geld nicht dem Tierschutzverein zu Gute...das wäre wenigstens ein bisschen Gerechtigkeit gewesen. Als ich erfuhr dass die ehemaligen Halter ein Kind bekommen haben erstattete ich Anzeige beim Jugendamt und fügte Jamie´s Geschichte bei. Die Antwort war, wir kümmern uns drum...

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Die Retter


Den Kontakt zu Jamie´s beiden Rettern, Nicole und Valerie, hat das Tierheim hergestellt. Ich bekam die Telefonnummer und konnte anrufen um mich zu bedanken. Das war mir ein ganz großes Bedürfnis und kurze Zeit später trafen wir uns auf dem Scharpenacken zum Spaziergang. Zu sehen wie Jamie die beiden erkannte und sich freute war wunderschön, noch schöner dass sie dennoch immer meine Nähe suchte und sich feste an mich drückte. In unregelmäßigen Abständen treffen wir uns noch heute und mein besonderer Dank gilt für immer Valerie, diesem mutigen Mädchen mit dem Herz am richtigen Fleck.

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4 Wochen und 1 Tag später


Als Jamie dann 4 Wochen und 1 Tag später bei mir einzog hatte ich nur den einen Gedanken. Ihr Leben zu erhalten und zu versuchen den Hund in ihr zu erwecken der sich mir in meinem Geiste gezeigt hatte. Ich habe es geschafft aus einem apathischen nicht laufen könnenden Hund eine extrem selbstbewußte und sichere Hundelady zu schaffen die sich mit Wonne ins Leben wirft und wieder laufen kann. Ein großer Teil davon ist Jamie´s eigener Verdienst. Sie hat ihre schweren Mißhandlungen verarbeitet, sie hat eine Kämpfernatur von der man als Mensch nur träumen kann und einen Willen der uns teilweise dem Wahnsinn nahe bringt. Ich konnte ihr die Schmerzen nehmen indem ich sie habe operieren lassen und ich wollte nichts unversucht lassen für eine kleine Chance dass sie wieder wird sehen können. Dafür fuhren wir nach Berlin, zu einer der Besten Augenspezialisten. Insgeheim hoffend dass nur ein Auge eine Chance hätte, traf mich die Diagnose dass sie für immer blind sein wird doch hart. Den einzigen Gedanken den ich nie loswerde ist der, dass das Letzte was Jamie sehen konnte, dieser Unmensch war der sie monatelag aufs Übelste gequält hat. Sie hat mich und die Jungs noch nie gesehen, sie spürt nur unsere Liebe und Zuwendung und die Sicherheit die wir ihr geben. Das ist sicher mehr wert als alles andere, doch mein immerwährender geheimer Wunsch wird es bleiben dass sie uns ein einziges Mal wird sehen können. Die Tiermedizin schreitet ständig fort und Jamie ist jung, wer weiß was die Zukunft bringen kann? Sicher ist für mich dass Jamie ihre böse Vergangenheit vergessen hat, dass sie leben darf und mir täglich zeigt wie groß die Bereicherung für alle ist sie in unserer Mitte zu haben.

Und was ist schon blind? Blind ist in einer besonderen Art und Weise viel mehr über die Welt zu erfahren als es Sehende je können werden.